Können auch Ratten Empathie empfinden?

01 Juli, 2020
Obwohl die Überzeugung weit verbreitet ist, dass nur Menschen Empathie und Mitgefühl empfinden, beweist uns die Wissenschaft einmal mehr, dass dies gar nicht stimmt. Erfahre heute mehr über die neuesten Forschungsergebnisse zu diesem Thema.
 

Es ist eine weit verbreitete Überzeugung, dass bestimmte Gefühle und Emotionen wie beispielsweise Empathie eine ausschließlich menschliche Eigenschaft sind. Allerdings haben zahlreiche Forscher und Wissenschaftler schon vor einiger Zeit aufgezeigt, dass dies gar nicht unbedingt stimmt. Ein Beispiel hierfür sind Ratten und die offensichtliche Art und Weise, wie sie ihre Empathie zum Ausdruck bringen.

Seit Jahrzehnten wird das Verhalten von Ratten in Versuchslaboren untersucht. Außerdem gibt es auch zahlreiche Studien über ihre Beziehung zu Menschen. Die gleichen Studien wurden außerdem über Tauben, Wölfe, Hunde und andere Primaten durchgeführt.

Bei Menschen ist Empathie eine angeborene Fähigkeit, mit der wir die Emotionen eines anderen Menschen beobachten und wahrnehmen. Dies hilft uns, in einer sozialen Gruppe mit anderen Individuen auf emotionaler Ebene in Verbindung zu treten.

Die Forschungen von Wissenschaftlern der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften (KNAW) haben gezeigt, dass Ratten Empathie zeigen, wenn ihr Partner leidet. Das würde bedeuten, dass die Fähigkeit, sich in die Situation eines anderen hineinzuversetzen, in der Evolution schon lange vor den Menschen existierte.

Wie wird Empathie gesteuert und kontrolliert?

Empathie - Diagramm, welches die Hirnaktivität einer Ratte zeigt
 

Es gibt eine bestimmte Gehirnregion, der sogenannte anteriore cinguläre Cortex (ACC), in dem sich Spiegelneuronen befinden. Diese Zellen reagieren, wenn ein Individuum eine Empfindung oder Schmerzen verspürt, wenn ein anderes Individuum leidet. Allerdings sind die zugrunde liegenden zellulären Mechanismen nach wie vor noch nicht genau geklärt.

“Spiegelneuronen sind bestimmte Nervenzellen, die aktiviert werden, wenn eine Handlung ausgeführt wird, wenn beobachtet wird, dass eine Handlung vollzogen wird oder wenn eine mentale Repräsentation davon vorliegt.”

– Gema Sánchez Cuevas, Psychologin –

Jüngste Studien haben ergeben, dass der anteriore cinguläre Cortex bei Ratten ebenfalls Spiegelneuronen enthält. Wenn die Ratte Schmerzen fühlt oder eine andere Ratte leiden sieht, werden diese Neuronen aktiviert.

Allerdings erfolgt keine Aktivierung der Spiegelneuronen, wenn eine Ratte eine andere Ratte leiden hört. Andere Studien haben hierzu ergeben, dass der Grund darin liegen könnte, dass die Ratte selber Angst erlebt haben muss, um sie zu fühlen, wenn sie einen Artgenossen leiden hört.

Tatsächlich wurden die Ratten, die Angst und Leiden bereits erfahren hatten, nervös und unruhig, wenn ihre Artgenossen Ultraschallgeräusche von sich gaben, um die Gruppe zu warnen.

Woher wissen wir eigentlich, dass Ratten Mitgefühl empfinden?

Empathie - Ratten in einem Käfig
 

Um das Experiment durchzuführen wurden mehrere Ratten jeweils paarweise gehalten und darauf trainiert, einen Hebel zu berühren, wofür sie dann eine Belohnung erhielten. Die Ratten lernten sehr schnell, dass sie einen Zuckerwürfel bekommen konnten, wenn sie den Schalter aktivierten.

Sobald klar war, dass die Ratten diesen Mechanismus verstanden hatten, wurde der Schalter so modifiziert, dass er ihnen bei jeder Berührung stattdessen einen kleinen Schlag versetzte.

Sobald die Ratten einen Schlag bekamen, wenn sie den Hebel betätigten, hörten sie damit auf, diesen Schalter zu nutzen. Zusammen mit den Untersuchungen über die Spiegelneuronen zeigte dieses Experiment, dass die Ratten sehr genau wussten, wann ihr Artgenosse litt und versuchten, dies zu verhindern.

Empathie oder Selbstsucht?

Allerdings stellt sich an dieser Stelle eine weitere entscheidende Frage: Haben die Ratten aus Empathie für ihre Freunde damit aufgehört, den Schalter zu betätigen oder war es einfach nur Selbstsucht, um ihr eigenes Leiden zu verringern?

Aufgrund der Spiegelneuronen in ihrem Gehirn empfinden die Ratten bis zu einem gewissen Grad die Emotionen ihres Artgenossen. Daher verringert sich natürlich auch ihr eigenes Leiden, wenn sie den Schalter nicht mehr benutzen.

Das gleiche passiert aber auch bei Menschen. Warum helfen wir jemandem, der verletzt ist? Tun wir dies aus reinem Altruismus oder wollen wir schlichtweg selber nicht leiden? Die Antwort auf diese Fragen ist nicht einfach.

 

Was wir aber mit Sicherheit sagen können, ist, dass bei beiden Spezies ähnliche Prozesse ablaufen. Empathie ist eindeutig eine adaptive Emotion, die die Überlebenschancen einer Spezies erhöht, wenn sie in sozialen Gruppen lebt.

  • Carrillo, M., Han, Y., Migliorati, F., Liu, M., Gazzola, V., & Keysers, C. (2019). Emotional mirror neurons in the rat’s anterior cingulate cortex. Current Biology, 29(8), 1301-1312.
  • Hernandez-Lallement, J., Attah, A. T., Soyman, E., Pinhal, C. M., Gazzola, V., & Keysers, C. (2020). Harm to Others Acts as a Negative Reinforcer in Rats. Current Biology.
  • Kim, E. J., Kim, E. S., Covey, E., & Kim, J. J. (2010). Social transmission of fear in rats: the role of 22-kHz ultrasonic distress vocalization. PloS one, 5(12).
  • Sánchez C., G. (2019). Conoce las neuronas espejo. Disponible en La mente es maravillosa: https://lamenteesmaravillosa.com/conoce-a-las-neuronas-espejo/