Stimmt es, dass Haie nicht krank werden?

05 November, 2020
So unglaublich und faszinierend diese Meerestiere auch sind, die Behauptung, Haie würden niemals krank werden, ist schlichtweg falsch. Wie andere Tiere sind auch sie anfällig für Parasiten und verschiedene Erkrankungen, einschließlich Krebs.

Es gibt unzählige Gründe, warum Menschen von Haien fasziniert sind. Allerdings entsprechen nicht alle Behauptungen über diese Tiere auch der Wahrheit. Zum Beispiel glauben viele Menschen, dass Haie nicht krank werden, was aber überhaupt nicht stimmt. Um diese Meeresriesen besser zu verstehen und ihnen gerecht werden zu können, müssen wir uns etwas genauer mit ihrer Biologie befassen.

Wusstest du, dass es Haie schon lange vor der Zeit der Dinosaurier gab? Tatsächlich haben sie sich nachweislich vor über 450 Millionen Jahren entwickelt. Daher verfügen Haie über Anpassungsmechanismen, die ihnen das Überleben dort ermöglicht haben, wo viele andere Lebewesen dies nicht konnten.

Eine der auffälligsten Eigenschaften, die sie mit ihren Verwandten, den Stachelrochen, gemein haben, ist die Tatsache, dass sie keine Knochen besitzen. Denn ihr Skelett besteht vollständig aus Knorpeln. Darüber hinaus können Haie im Laufe ihres Lebens mehr als 30.000 Zähne bilden. Wenn sie einen Zahn verlieren, rückt ein weiterer aus der hinteren Zahnreihe an dessen Stelle.

Es ist ein Mythos, dass Haie nicht krank werden

Der Mythos, dass Haie nicht krank werden, ist in den sozialen Medien weit verbreitet. Dort kannst du häufig lesen, dass sie angeblich die einzigen Tiere sind, die nicht krank werden oder dass sie sogar immun gegen verbreitete Krankheiten wie Krebs seien.

Zu Beginn der 1990er Jahre wurde ein nicht-wissenschaftliches Buch sehr berühmt, in dem behauptet wurde, dass Haiknorpel Krebspatienten retten könnten. Obwohl in diesem Werk nicht behauptet wurde, dass Haie gegen Krebs immun seien, argumentierte es dennoch, dass die Ausbildung solider Tumore bei diesen Tieren sehr ungewöhnlich sei.

Die angeblichen wundersamen Eigenschaften von Haifischknorpel bei der Heilung von Krebs

Um diese Argumente zu verstehen, musst du zunächst das Konzept der Angiogenese verstehen. Dieser Begriff beschreibt den Prozess, bei dem sich aus den bereits vorhandenen Gefäßen neue Blutzellen entwickeln. Angiogenese ist also die Bildung neuer Kapillaren in verschiedenen Geweben.

Gleichzeitig tritt Angiogenese häufig bei verschiedenen Tumorarten auf und hat auch mit Tumorwachstum zu tun. Darüber hinaus haben Knorpel keine Blutgefäße. Das bedeutet, dass sie avaskulär sind.

Tatsächlich werden sehr selten bösartige Tumore beobachtet, von denen Knorpel betroffen sind. Daher betrachtet der Markt für alternative Produkte Knorpel auch als Quelle für antiangiogene Verbindungen.

Haie - Haifischflossen

Die Wissenschaft widerlegt den Mythos, dass Haie nicht krank werden

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist es eine unbestreitbare Tatsache, dass Haie an verschiedensten Krankheiten leiden. Ohne Zweifel haben wissenschaftliche Berichte Fälle von Krebs bei Haien und sogar Chondromen (Knorpelkrebs) registriert. 

Bis heute haben Experten bei mindestens 23 unterschiedlichen Haiarten Tumore dokumentiert. Da die Krebsforschung bei diesen Tieren weiter zunimmt, wird vermutlich auch die Zahl der dokumentierten Fälle weiter ansteigen.

Obwohl Knorpel antiangiogene Eigenschaften besitzen könnte, solltest du wissen, dass es keinen Beweis für die Wirksamkeit als Behandlung gibt. Mit anderen Worten, es gibt keine Berichte darüber, dass die orale Aufnahme von Knorpel in Pulverform tatsächlich das Auftreten von Krebstumoren verhindert.

Haifischknorpel sind nicht wirksam als Behandlung gegen Krebs

Interessant ist auch die Forschung zu Neovastat, einer aus Haifischknorpel gewonnenen Verbindung. Wissenschaftler untersuchten in einer klinischen Studie bei Patienten mit Lungenkrebs der Phase III dessen Wirkung in Kombination mit Chemotherapie. Nach mehr als 6 Jahren kontinuierlicher Forschung beendeten sie die Studie jedoch aufgrund mangelnder therapeutischer Wirksamkeit.

Zu den gleichen Ergebnissen kamen auch weitere klinische Studien mit Patienten, die an Nierenkrebs der Phase II litten, sowie andere Untersuchungen mit Patienten, die an Brustkrebs und Darmkrebs erkrankt waren.

In keiner dieser Studien konnte eine Verbesserung des Überlebens der Patienten festgestellt werden. Dennoch versucht der Markt nach wie vor, Haiknorpel mit der Behandlung von Erkrankungen wie Psoriasis in Zusammenhang zu bringen.

Keine Studie konnte nachweisen, dass Haifischknorpel eine wirksame Behandlung sind. Trotzdem hat die hohe Nachfrage nach Knorpel zu einer Dezimierung der weltweiten Population von Haien geführt.

Die Bedeutung von Haien im marinen Ökosystem

Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 werden jedes Jahr 100 Millionen Haie von Menschen getötet. Die Überfischung der Haie hat mit der großen Nachfrage nach ihrem Fleisch, Lebertran, Knorpel und ihren wertvollen Flossen zu tun. Leider kommt es sehr häufig vor, dass Fischer den Haien bei lebendigem Leib die Flossen abschneiden und sie anschließend wieder ins Meer werfen. Denn Haifischflossensuppe gilt in Asien als traditionelle und sehr teure Delikatesse.

Außerdem ist es wichtig zu wissen, dass die sinkende Haipopulation Anlass zur Sorge gibt. Denn als Apex-Raubtiere (Spitzenprädatoren) tragen Haie zum Gleichgewicht des Ökosystems in unseren Weltmeeren bei. Wenn es nicht genug Raubtiere gibt, wird dies zu einer Reihe von Veränderungen in diesem Ökosystem führen, welche sogar die marine Pflanzenwelt beeinträchtigen.

Organisationen wie das Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen (kurz: Washingtoner Artenschutzübereinkommen oder CITES) ergänzen fortlaufend die Liste von Haiarten, die unter kommerziellem Schutz stehen. Allerdings kann es einige Zeit dauern, bis diese Initiativen greifen und wirken.

Die Fortpflanzung von Haien ist vielfältig und komplex

Abhängig von der jeweiligen Art vermehren sich Haie auf drei verschiedene Arten:

  1. Oviparität: Sie legen Eier und deponieren diese an einem sicheren Ort für die Ausbrütung.
  2. Viviparität: Diese Haie gebären lebende Jungtiere.
  3. Ovoviviparität: Die Haie tragen ihre Jungen in Eiersäcken, die sich in ihrer Gebärmutter befinden. Die jungen Haie entwickeln sich im Mutterleib und werden lebend geboren. Dies ist eine Kombination der ersten beiden Strategien.

Darüber hinaus variiert auch die Dauer der Schwangerschaft sowie die Anzahl der Jungtiere von Art zu Art. Tatsächlich kann die Anzahl der Jungtiere, die eine Haimutter gebären kann, von zwei (bei Vivviparität) bis zu 100 Jungtieren (bei Oviparität) reichen. Die Hauptfolge sehr langer Tragzeiten ist, dass gefährdete Haiarten sehr lange brauchen, bis sich ihre Population wieder regeneriert.

Angesichts der langsamen Fortpflanzungsrate und Entwicklung der Haie kann es für die Populationen schwierig sein, sich von großen Verlusten wieder zu erholen.

Haie - Hai mit geöffnetem Maul

Schutz der Haie und Aufklärung der Menschen

Die Gesellschaft ist eine Maschine, die Verhaltensmuster von Patienten, die Art der Behandlung und die Entscheidungen darüber bestimmen kann. Daher ist es wichtig, darüber nachzudenken, dass falsche Überzeugungen in der Gesellschaft unüberwindbare Hindernisse schaffen.

Außerdem solltest du immer daran denken, dass die meisten Informationen im Internet und in vielen Print-Medien nicht reguliert oder verifiziert sind. Aus diesem Grund können sie extreme Standpunkte und Aussagen enthalten, die aktuelle Probleme noch weiter verschärfen. Abgesehen davon ist der Handel mit Haiprodukten zur Bekämpfung von Krebs ein klares Beispiel menschlicher Unwissenheit.

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