Schlangengift als Heilmittel - neue Erkenntnisse

10 November, 2020
Wenn du jemanden kennst, der Blutdruckmedikamente einnimmt, dann gehört dieses Medikament vermutlich zur Klasse der Pharmazeutika, die aus Schlangengift gewonnen werden.

Hast du Angst vor Schlangen? Momentan gibt es ungefähr 3.000 bekannte Arten. Allerdings ist nur das Schlangengift von 450 dieser Arten potentiell gefährlich für den Menschen.

Dennoch sterben jedes Jahr schätzungsweise 100.000 Menschen an diesem Gift; hauptsächlich in Asien, Afrika und Lateinamerika. Trotz dieser ernüchternden Statistik retten medizinische Entdeckungen, bei denen Schlangengift zur Anwendung kommt, auch viele Menschenleben.

Zunächst einmal solltest du wissen, dass jede Schlangenart ein spezifisches Gift entwickelt hat, um die Schwachstellen ihrer jeweiligen Beutetiere und Fressfeinde gezielt angreifen zu können. Daher versuchen erfahrene Wissenschaftler, die Formeln zu entschlüsseln, die die Natur perfektioniert hat, um sie für medizinische Zwecke nutzbar zu machen.

Schlangengift zur Verteidigung und Jagd auf Beute

Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass das Gift Hunderte verschiedener Komponenten enthalten kann. Daher ist diese Verbindung eine komplexe Mischung pharmakologisch aktiver Komponenten.

Die Art des Giftes variiert je nach Schlangenspezies. Darüber hinaus unterscheidet sich die Zusammensetzung auch ein wenig innerhalb derselben Spezies, je nach geografischer Verteilung, Alter, Geschlecht und Ernährung der Tiere. Die Bestandteile des Giftes erfüllen unterschiedliche Funktionen:

  • Beispielsweise beeinflussen einige Toxine, die als Neurotoxine bekannt sind, das Nervensystem. Neurotoxine behindern die Übertragung von Signalen an das Gehirn und verursachen Lähmungen.
  • Andere, sogenannte Hämotoxine, beeinträchtigen das Kreislaufsystem. Diese Komponenten können zum Platzen roter Blutkörperchen oder zu Blutgerinnseln führen. Darüber hinaus kann der Blutdruck gefährlich stark absinken.
  • Außerdem gibt es noch Mykotoxine, welche die Muskulatur schädigen und zerstören. Diese Gifte führen zum Absterben von Muskelgewebe und verhindern die Muskelkontraktion. Dies wiederum verursacht eine Nekrose.
Schlangengift - Ernte

Schlangengift als Medizin

Nach Erkenntnissen, die in mehreren Studien gewonnen wurden, haben sich die Toxine im Schlangengift über Millionen von Jahren entwickelt, um eine bestimmte Funktion zu erfüllen. Vor diesem Hintergrund arbeiten Wissenschaftler daran, die einzelnen Toxine zu isolieren. Denn sie erhoffen sich, diese Gifte in leicht veränderter Form als Grundlage für neue wirksame Medikamente verwenden zu können.

Ein Vorteil, den diese Toxine bieten, ist die exquisite Selektivität. Dadurch können sie als mögliche Behandlungsoption eingesetzt werden. Das liegt daran, dass sich so die Wahrscheinlichkeit für unerwünschte Nebenwirkungen minimiert. Darüber hinaus kann Schlangengift aufgrund seines Potenzials bereits in sehr geringen Mengen erhebliche Effekte erzielen.

Heute gibt es unzählige Möglichkeiten, neue Medikamente zu entwickeln. Zum Beispiel Schmerzmittel, Diabetes-Medikamente und sogar Mittel für Krebsbehandlungen. Tatsächlich gibt es derzeit Medikamente auf dem Markt, die aus modifizierten Toxinen gewonnen wurden.

Nach Aussagen von Experten gibt es noch ungefähr 20 Millionen unerforschte Toxine in der Natur.

Altes Heilwissen und die Anwendung von Schlangengift

Bereits seit Tausenden von Jahren nutzen Menschen Schlangengift für medizinische Zwecke. Unter anderem in der ayurvedischen Medizin, der Homöopathie und der traditionellen Volksmedizin.

Darüber hinaus galten Schlangen im antiken Griechenland als Götter der Medizin. Und noch heute wird das Symbol der Schlange für die Medizin und Pharmazie benutzt.

In der ayurvedischen Medizin wird Schlangengift zur Behandlung von Schmerzen, Entzündungen und Arthritis genutzt. Darüber hinaus verwenden die Chinesen seit Jahrhunderten Schlangengift, um die Opiatabhängigkeit zu behandeln. Und die Indianer kombinierten es mit Opium, um Schmerzen zu lindern.

Verschiedene Medikamente auf der Basis von Schlangengift sind bereits auf dem Markt verfügbar

Derzeit liegt der weltweite Schwerpunkt auf der Verwendung von Toxinen zur Entwicklung neuer Medikamente. Trotzdem sind nur wenige dieser Medikamente bereits auf dem Markt. Viele dieser Verbindungen verhindern auf unterschiedliche Weise Blutgerinnsel und dienen zur Behandlung von Herzinfarkten. Zum Beispiel:

  • Captopril, Exenatid, Liraglutid und Eptifibatid. Sie enthalten alle das Gift der brasilianischen Schlange Bothrops jararaca. Diese Medikamente helfen bei Bluthochdruck und Herzinsuffizienz. Außerdem war Captopril das erste Medikament, das Wissenschaftler in den 1970er Jahren aus Schlangengift entwickelten.
  • Ein Derivat des Giftes der Zwergklapperschlange Miliarius barbouri hilft, akute Herzischämie zu verhindern.
  • Das Schlangengift der Echis carinatus wird zur Herstellung des Medikaments Tirofiban verwendet, welches die Aggregation von Blutplättchen hemmt.
  • Gereinigtes Gift der Schlangenart Bothrops moojeni wird in Medikamenten gegen akuten Herzinfarkt, Angina pectoris und plötzliche Taubheit verwendet.
  • Ein gereinigter Blutgerinnungsfaktor aus der Spezies Bothrops atrox wird zur Behandlung von Blutungen verschiedener Ursachen eingesetzt.

Ein neuer Ansatz für Schmerzmittel?

Die Giftstoffe im Schlangengift können auch für die Entwicklung neuer Schmerzmittel verwendet werden. Beispielsweise kann das Toxin Crotalfina aus dem Gift der Crotalus durissus-Schlange aufgrund der verursachten Modulation der Opioidrezeptoren eine Schmerzlinderung induzieren.

Im Jahr 2012 fand eine Gruppe von Forschern im Schlangengift der Schwarzen Mamba, Dendroaspis polylepsis, Peptide mit analgetischer Wirkung. Diese Toxine, auch als Mambalgine bekannt, blockieren Ionenkanäle in den Neuronen, die Schmerzen übertragen.

Darüber hinaus führte diese Studie zu einem erneuten Interesse an Ionenkanälen als therapeutisches Ziel. Im Gegensatz zu Medikamenten wie Morphin besteht der Vorteil von Mambalginen darin, dass sie ihre Wirksamkeit auch bei kontinuierlicher Anwendung beibehalten. Daher erhoffen sich die Forscher, dass diese Toxine zur Entwicklung einer nicht abhängig machenden Alternative zu Morphin führen werden.

Neue Erkenntnisse über Drei-Finger-Toxine

Sehr interessant ist auch die Tatsache, dass bestimmte proteische Toxine in vielen Schlangengiften eine ganz bestimmte Molekularstruktur besitzen. Wir kennen diese als Drei-Finger-Toxine (3FTx), die normalerweise den aktivsten Bestandteilen jedes Giftes entsprechen.

Diese Gruppe von Toxinen wird aufgrund ihrer Wirkung auf die Blutgefäße bereits verwendet. Beispielsweise ermöglicht das Muskarinacetylcholin (MTα) eine Behandlung von Blutdruckstörungen. Andere Toxine – wie KT-6.9 – sind bei der Behandlung von Blutgerinnungsstörungen nützlich.

Momentan kennen Wissenschaftler mehr als 700 Proteinsequenzen von 3FTx und jeden Tag werden weitere erforscht.

Darüber hinaus haben Forscher im vergangenen Jahrzehnt neue Entdeckungen in Bezug auf 3FTx gemacht. Diese umfassen strukturelle Variationen und neue Arten biologischer Aktivität bei bereits bekannten Drei-Finger-Toxinen. Nachfolgend findest du einige dieser unerwarteten Aktivitäten, die sie entdeckt haben:

  • Wechselwirkung mit den Rezeptoren immunisierender Faktoren.
  • Auswirkungen auf den Insulinrezeptor (Cardiotoxin 1), die möglicherweise für Patienten mit Typ-2-Diabetes nützlich sein könnten.
  • Die Aktivierung der Motilität von Spermien (Actiflagelin), die zu einer möglichen Behandlung der männlichen Unfruchtbarkeit führen könnte.
Schlangengift - Frontalansicht einer Schlange

Abschließende Gedanken

Schlangengift ist ein sehr leistungsfähiges und nützliches Werkzeug; sowohl für Schlangen selbst als auch für medizinische Behandlungen. Außerdem ist zu hoffen, dass die Entwicklung neuer Antivenine die Anzahl der Menschen reduzieren wird, die an Schlangenbissen sterben.

Darüber hinaus könnte die Entwicklung der nächsten Generation von Medikamenten die Bekämpfung von Herzinfarkten, Schlaganfällen und sogar Krebs ermöglichen. All das hängt von den verborgenen Geheimnissen ab, die das Schlangengift noch enthält.

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